Manche Geschichten brauchen einen Moment, um ihr Herz zu öffnen.
Good Spirits von B. K. Borison gehört für mich genau zu diesen Büchern. Die ersten hundert Seiten wirken wie ein vorsichtiges Einatmen – und dann trifft die Geschichte plötzlich genau ins Herz.
Der Grund dafür ist vor allem eine Figur: Harriet.
Sie ist keine klassische „Badass“-Heldin. Keine Frau, die mit scharfen Worten und klaren Grenzen durch ihre Welt marschiert. Stattdessen begegnen wir einer Protagonistin, die viel zu lange gelernt hat, sich anzupassen.
Und genau darin liegt ihre eigentliche Stärke als literarische Figur.
Harriets People-Pleaser-Dynamik fühlt sich nicht wie ein oberflächliches Trope an, sondern erstaunlich real. Dieses ständige Bemühen um Harmonie, das Bedürfnis, Konflikte zu vermeiden – selbst wenn es auf eigene Kosten geht – wirkt glaubwürdig und manchmal fast schmerzhaft vertraut.
Doch wie stark ist Harriet wirklich als Heldin?
Um das herauszufinden, bewerte ich sie nach fünf Kriterien meines Heldinnen-Rankings.
Harriet im Heldinnen-Ranking
Innere Stärke
Harriets Stärke zeigt sich nicht in lauter Selbstbehauptung, sondern in etwas deutlich Schwierigerem: Selbstwahrnehmung.
Sie beginnt die Geschichte als jemand, der Konflikte vermeidet und sich stark über die Erwartungen anderer definiert. Doch im Verlauf des Buches erkennt sie langsam, wie sehr sie ihre eigenen Bedürfnisse übergangen hat.
Diese Erkenntnis ist kein dramatischer Wendepunkt – sondern ein leiser, realistischer Prozess. Gerade deshalb wirkt Harriets Entwicklung so überzeugend.
Ihre Stärke besteht darin, überhaupt zu erkennen, dass sie Grenzen hat.
Handlungsmacht
Harriet gestaltet ihre Geschichte mit, doch ihre Handlungsmacht bleibt lange eingeschränkt durch ihre eigenen Muster.
Viele ihrer Entscheidungen sind zunächst davon geprägt, Harmonie zu wahren und Konflikte zu vermeiden. Erst nach und nach beginnt sie, bewusster für sich selbst einzustehen.
Ein kleiner Kritikpunkt liegt im späteren Konflikt mit ihrer Mutter. Hier hätte ich mir gewünscht, dass Harriet diesen Moment stärker selbst trägt, statt dass Nolan stärker eingreift. Gerade weil ihr Entwicklungsbogen so sehr um Selbstbehauptung kreist, wirkt dieser Moment etwas unausgewogen.
Emotionale Tiefe
Hier liegt die größte Stärke dieser Figur.
Harriets Gedankenwelt wirkt authentisch, verletzlich und sehr menschlich. Ihre People-Pleaser-Dynamik fühlt sich so präzise getroffen an, dass man fast den Eindruck bekommt, die Autorin schreibe aus eigener Erfahrung.
Das ständige Abwägen zwischen eigenen Bedürfnissen und dem Wunsch nach Harmonie ist glaubwürdig dargestellt – und macht Harriet zu einer emotional sehr greifbaren Figur.
Resilienz
Harriet ist keine Figur, die spektakuläre Schlachten schlägt.
Ihre Resilienz zeigt sich vielmehr darin, dass sie bereit ist, ihre eigenen Muster zu hinterfragen. Das ist ein stiller, aber bedeutender Akt von Widerstand.
Besonders überzeugend ist dabei, dass ihre Entwicklung nicht plötzlich abgeschlossen wirkt. Am Ende des Buches steht Harriet eher am Anfang ihrer Transformation – und genau das macht ihre Entwicklung so realistisch.
Lang antrainierte Muster verschwinden schließlich nicht über Nacht.
Wirkung
Harriet ist keine ikonische Heldin, die eine ganze Welt verändert.
Doch sie bleibt im Gedächtnis, weil ihre Geschichte eine Erfahrung beschreibt, die viele Leserinnen kennen: das langsame Lernen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Diese Form von emotionaler Identifikation macht sie zu einer sehr wirkungsvollen Protagonistin.