Kennst du auch diese Tage, an denen du nach der Arbeit, voll von all den anderen Menschen, ihren Geräuschen, Fragen, Bitten und Anforderungen nach Hause kommst und statt Entspannung erwartet dich der volle Geschirrspüler, der krümelige Küchenboden und ein leer gähnender Kühlschrank? Auf deinem Handy fünf unbeantwortete WhatsApp-Nachrichten, deine Familie in Warteposition – denn jetzt sind sie doch dran ein Stück von dir abzubekommen?
Ständig, ach was, jederzeit ist da jemand, der oder die an dir zieht, zerrt und einfordert. Manchmal auch bittet – meist steckt schließlich keine böse Absicht dahinter.
Und du?
Du schlitterst von einem To-Do zum nächsten, abgehetzt, müde, ausgesaugt. Du kommst Bitten nach, springst hilfsbereit ein, wann immer nötig und liest den Menschen in deinem Umfeld ihre Wünsche schon von den Augen ab, da haben diese nicht mal den Gedanken zu Ende formuliert.
Stattdessen würdest du viel lieber mit einer Tasse Pfefferminztee und deinem neuen Buch eingekuschelt auf dem Sofa sitzen? Endlich deinen Vorsatz wahr machen und den Pole-Tanz-Kurs besuchen? Mit deiner Freundin zum Spinning gehen oder zumindest mal wieder die Laufschuhe anziehen und einfach raus, raus, raus? Aber nichts davon tritt ein, denn: Du hast keine Zeit. Du bist müde vom Funktionieren, vom Dasein.
Du bist nicht allein. Und du bist nicht schuld.
Mit diesem Gefühl oder besser gesagt, diesem Wust an Gefühlen bist du nicht allein. Vielen Frauen zwischen 20 und 45 Jahren, auf dem Highway des Lebens, geht es ganz ähnlich. Diese Überforderung und ohnmächtig machende Menge an Verantwortung, hat System, hängt eng mit Rollenbildern und auch erlerntem Verhalten zusammen. Doch darin stecken zwei gute Nachrichten für dich:
- Du bist nicht allein.
- Du bist nicht schuld.
Insbesondere der letzte Punkt fühlt sich gut an, oder?
Als ich mich mit Anfang 20 in einem Burnout befand und Depressionen mein Leben jäh ausgebremst haben, hat mich ganz besonders der zweite Punkt beruhigt, eine tiefsitzende Angst gemildert. Denn, wenn ich all diese Aufgaben und Verantwortungen nicht bewältigen kann, alle anderen Frauen, die ich kenne oder die ich beobachte (Social Media ist da besonders irreführend) aber scheinbar schon, dann sind die Gedanken meistens in diese Richtung eingefärbt:
„Ich mache etwas falsch. Es muss an mir liegen, dass alle anderen ihr Leben auf die Reihe kriegen. Nur ich kriege es nicht hin.“
Das ist aber eine Lüge. Bevor wir uns jedoch diese Lüge ansehen, machen wir gemeinsam einen Schritt zurück.
Warum Heldinnen Dinge schaffen, an denen wir scheitern
Erinnerst du dich an das letzte Buch, das du gelesen hast? An die letzte Heldin, die du auf ihrer Reise begleitet hast? Vielleicht war es Fourth Wing von Rebecca Yarros, ein modernes Fantasy-Epos, in dem wir als Leserinnen die aufregenden Abenteuer von Violet Sorrengail, ihren Freunden und Drachen mitverfolgen.
Violet ist eine junge Frau mit einem körperlichen Handicap, das es ihr (aus ihrer Perspektive und der, der Gesellschaft, in der sie lebt) unmöglich macht, etwas anderes zu werden als eine Schreiberin. Ihr gesamtes Leben ist darauf ausgerichtet genau diesen Weg einzuschlagen, bis sie sich plötzlich in der unabwendbaren Situation befindet, die Aufnahmeprüfung für die Akademie der Drachenreiter in Basgiath bewältigen zu müssen. Obwohl sie an sich selbst zweifelt, mit ihrem Tod auf der schmalen Brücke, dem Parapet, rechnet, schafft sie es lebend rüber und wird in Basgiath aufgenommen.
Dieses Szenario wiederholt sich im Laufe der Geschichte mehrfach. Mal hat Violet Erfolg, mal gibt es auch kleine oder große Misserfolge. In Summe aber verläuft ihre Heldinnenreise positiv, sie wird immer mehr zur mächtigen Drachenreiterin, die am Ende sogar zwei Drachen an sich binden kann.
Hast du dich beim Lesen mal gefragt: Wieso kann Violet, deren Grundvoraussetzungen wirklich nicht optimal sind, all diese Herausforderungen bewältigen? Oder größer gefragt: Was unterscheidet Heldinnen aus Romanen von uns reallebenden Frauen? Warum fällt es uns in unserem wenig gefährlichen Alltag so schwer unsere Heldinnenreise anzutreten? Dabei müssen wir auf dieser gar keine tödlichen Prüfungen bestehen, keine rachsüchtigen Feinde abwehren oder lernen uns auf einem gewaltigen Drachen zu halten, damit wir keinen fiesen Sturz in den Tod erleben. Wir ringen doch „nur“ mit einem fordernden Chef, dem niemals endenden Haushalt und dem Wunsch mehr Sport zu machen. Drachen sind gefährlicher als der volle Wäschekorb, oder?
Die wahren Bösewichte unserer Geschichte
Wenn man so möchte, dann bist du schon jetzt im Grunde jeden Tag dabei Drachen zu reiten, Konkurrenten auszutricksen und die Bösewichte deiner Geschichte zu besiegen. Nur eben im übertragenen Sinne. Die Bösewichte unserer Zeit, in der Realität, die wir leben, sind unter anderem geschlechtsspezifische Skripte, Parentifizierung in der Kindheit, Emotionsarbeit als weibliche Verantwortung oder Loyalitätskonflikte mit der Herkunftsfamilie. Die Lüge „Ich mache etwas falsch. Es muss an mir liegen, dass alle anderen ihr Leben auf die Reihe kriegen. Nur ich kriege es nicht hin.“ erzählen wir uns selbst, weil dahinter häufig ein Schutzmechanismus steckt. Wir nutzen Schuldgefühle gegen uns selbst gerichtet, um in einem System zu bestehen, dass uns nicht immer freundlich gegenübersteht. Aber – und das sind die genannten guten Nachrichten –
wie in jeder Heldinnen Saga, können wir Lügen aufdecken, Bösewichte besiegen, Systeme sprengen und uns, langfristig gesehen, selbst gestatten, die Heldin unseres eigenen Lebens zu werden.
Warum es so schwer ist, sich selbst zu erlauben, mehr zu wollen
Insbesondere die ins uns allen verankerten geschlechtsspezifischen Skripte sind verantwortlich für jede Menge Träume von Frauen, die im Papierkorb landeten oder Ambitionen, denen nie nachgegangen wurde. Die weibliche Rolle wird auch 2026 noch durch ein uneigennütziges, fürsorgliches Verhalten, die Zuständigkeit für emotionale Arbeit in Freundschaften, im Job, in Partnerschaften oder Familien, einer gewissen Zurückhaltung, Sensibilität und Abhängigkeit definiert. Selbstverständlich können wir auch Bewegungen beobachten, die es Frauen in den vergangenen Jahrzehnten möglich machten, abweichende Lebensverläufe einzuschlagen. Unsere heutige Gesellschaft ist egalitärer als die deutsche Gesellschaft in den 1950er Jahren. Aber, und das ist ein häufiges Problem, Rollenbilder werden von Generation zu Generation weitergegeben. Sie verschwinden nicht einfach. Auch nicht, wenn es gesamtgesellschaftlich betrachtet für Frauen deutlich mehr Möglichkeiten zur Selbstentfaltung gibt. Zusätzlich heißt das leider auch noch nicht, dass wir uns diese Selbstentfaltung erlauben.
Der Parapet im Alltag
Violet Sorrengail lebt in einer Welt, die für sie bedrohlich ist, in der sie eigentlich besser eine andere Rolle einnehmen sollte. Auf den ersten Blick erscheint es völlig unlogisch, dass sie von ihrer Mutter, einer Generalin, gezwungen wird, sich zur Drachenreiterin ausbilden zu lassen.
Je weiter ihre Geschichte jedoch voranschreitet, desto deutlicher wird: Violet hat Ressourcen. Und jeder kleine Erfolg nährt ihr Vertrauen in sich selbst, gibt ihr für schwerere Herausforderungen neue Ressourcen, die sie wiederum nutzen kann. Sie lernt dazu und wird stärker und stärker.
Zu Beginn aber war da Angst, Unsicherheit und Zweifel.
Stell dir vor, dass du dich vor dem Parapet befindest. Du wirst zu einer lebensgefährlichen Aufgabe gezwungen, es gibt keine andere Option. Es ist der Parapet oder der eigene Tod. Du musst da durch – mit dem was dir zur Verfügung steht.
Wenn du nun an den Beginn dieses Artikels zurückdenkst und dich wieder in deinen Alltag versetzt, dann ist deine Wahl am Feierabend, ob du dich von Pflichten und Verantwortungen erdrücken lässt oder für ein kleines Mini-Abenteuer ausbrichst, Violets Situation ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint. Weniger ultimativ, weniger tödlich – geschenkt. Aber strukturell ähnlich.
Du kannst dich für ein Mikro-Abenteuer deiner Wahl entscheiden, bevor du Abendessen kochst oder den vollen Geschirrspüler ausräumst. Die Option besteht, Schuldgefühle hin oder her. Du kannst zum Spinning gehen, dabei ein schlechtes Gewissen haben und hinterher feststellen, dass der Geschirrspüler keine Äxte gegen dich schwingt, niemand verhungert ist oder auch einfach nur, dass alles genau so ist wie vorher. Mit dem Unterschied, dass du dich getraut hast, einen kleinen Erfolg im Kampf gegen deine Bösewichte errungen hast und der nächste Schritt leichter sein wird als der erste. Schritt für Schritt ein Stück näher an deiner eigenen Heldinnenversion.