Was macht Elizabeth Bennet bis heute zu einer der inspirierendsten Romanfiguren der Literaturgeschichte?
In Stolz und Vorurteil von Jane Austen begegnen wir einer jungen Frau, die ihren Selbstwert nicht verhandelt – weder aus gesellschaftlichem Druck noch aus Angst vor Ablehnung.
Elizabeth sagt Nein, wenn es ihrem Glück dient. Sie verteidigt ihren Stolz, ohne sich zu rechtfertigen. Und sie erlaubt sich Selbstachtung, selbst dort, wo Frauen ihrer Zeit sie nicht haben sollten.
Dieser Beitrag wirft einen psychologischen Blick auf Elizabeth Bennets Selbstwert und zeigt drei zeitlose Wahrheiten über Stolz, Selbstliebe und innere Autorität – Wahrheiten, die gerade heute relevanter sind denn je.
Wahrheit Nummer 1: Stolz ist keine schlechte Eigenschaft
Bereits zu Beginn von Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ kriegen wir als Leserinnen eine pointierte Kernaussage zum Unterschied zwischen Stolz und Eitelkeit, die sich durch den restlichen Verlauf der Geschichte zieht:
„Stolz und Eitelkeit sind zwei verschiedene Dinge, obwohl man die Begriffe oft synonym verwendet. Man kann stolz sein, ohne eitel zu sein. Stolz bezieht sich mehr auf unsere eigene Meinung von uns selbst, die Eitelkeit jedoch auf die Meinung, die wir gern von anderen über uns hätten.“
Mary, Elizabeth jüngere, sehr belesene aber oft übersehene Schwester, gibt in der Diskussion um den begehrten Junggesellen Mr. Darcy diese treffende Definition von Stolz, von der wir eine Menge lernen können.
Stolz und Eitelkeit werden oft synonym verwendet, was dazu führt, dass sich besonders Frauen ungerne selbst mit Stolz betrachten. Wer stolz ist gilt gemeinhin als überheblich, arrogant und eingebildet. Das – ebenfalls unter Frauen sehr verbreitete – Imposter-Syndrom ist eine starke Ausprägung dieser verinnerlichten Ablehnung von Stolz. Imposter können Erfolge, selbst wenn sie messbar sind, nicht als eigene Leistung annehmen und leiden häufig unter sehr starken Selbstzweifeln. Dabei ist aber doch Stolz, der Definition von Jane Austen folgend, nichts anderes als eine hohe Form der Selbstachtung. Auch heute gilt Stolz psychologisch betrachtet als positives Gefühl von Zufriedenheit und Selbstvertrauen. Elizabeths Antwort im Verlauf des Gesprächs ist Ausdruck ihres ausgeprägten Selbstvertrauens und zeigt, dass sie keine Angst vor ihrem Stolz hat oder wie dieser auf andere Menschen wirken könnte.
„Ich könnte ihm seinen Stolz leicht verzeihen, hätte er nicht den meinen verletzt.“
Klingt nicht so, als würde Elizabeth einen Unterschied zwischen sich selbst, einer jungen Frau mit wenig Aussichten auf eine finanziell absichernde Hochzeit oder anderweitiger Betätigung, und dem Master of Pemberley, Mr. Fitzwilliam Darcy, machen, oder? Nein, Stolz ist in Elizabeths Augen eine Eigenschaft, die nicht nur Gentlemen haben dürfen, sondern ebenso Frauen wie sie selbst. Nochmal deutlicher wird ihre Perspektive auf die Gleichwertigkeit von Mr. Darcy und sich selbst im Diskurs mit Lady Catherine.
„Er ist ein Gentleman, ich bin die Tochter eines Gentleman, insofern sind wir ebenbürtig.“
Damit positioniert Jane Austen sie entgegen dem klassischen Frauenbild dieser Zeit und wir fühlen uns auch 2026 noch von dieser offen gezeigten Form von Selbstvertrauen und Selbstliebe inspiriert. Wann warst du das letzte Mal voller Stolz auf dich und hast dich getraut diesen offen zu zeigen?
Wahrheit Nummer 2: Glück entsteht, wenn wir uns selbst ernstnehmen
Elizabeth Bennet ist nicht nur aufgrund ihres offenen Stolzes eine besonders interessante Romanfigur. Auch das unerbittliche Verteidigen ihrer eigenen Wünsche und Ideale macht sie zu einem unerwarteten Charakter mit modernen Ansichten im England von 1800.
In einem Gespräch zwischen Elizabeth und ihrer guten Freundin Charlotte wird deutlich, dass beide gegensätzliche Vorstellungen von Ehe und Liebe haben. Charlotte steht dabei symbolhaft für die zeitgemäßen Ansichten zu Ehe, Heirat und den Möglichkeiten einer Frau. Elizabeth, das für uns modern erscheinende Gegenstück, vertritt ihren persönlichen Anspruch auf Glück und Liebe vehement. Eine Ehe macht für sie nur Sinn, wenn ihr Partner ihr ebenbürtig ist und eine Aussicht auf Zufriedenheit sowie tiefe Liebe bietet. Und das obwohl, und das macht diese standhafte Position von Elizabeth so besonders, eine finanziell fundierte Hochzeit einer der Bennet Schwestern für die finanzielle Absicherung der gesamten Familie sorgen würde.
„Dein Plan ist gut“, entgegnete Elizabeth, „wo es nur um den Wunsch geht, sich gut zu verheiraten, und wenn ich auf einen reichen Mann – oder überhaupt auf einen Mann – aus wäre, würde ich ihn anwenden.“
Finanzielle Sicherheit war im 19. Jahrhundert für Frauen fast ausschließlich durch Heirat zu erreichen. Andere Optionen gab es kaum oder sie waren gesellschaftlich verpönt. Dennoch vertritt Elizabeth vehement ihren Wunsch und lässt sich keinen Moment auf den Gedanken ein, den eigentümlichen „Cousin“ Mr. Collins zu heiraten. Als dieser ihr einen finanziell respektablen Heiratsantrag unterbreitet, stellt Elizabeth ihre Vorstellungen von einer Heirat aus Liebe nie infrage. Ganz zum Vorteil ihrer Freundin Charlotte, die Sicherheit über idealistische Träume stellt und Mr. Collins im Verlauf heiratet.
„Sie könnten mich nicht glücklich machen und ich wäre die letzte, die sie glücklich machen könnte.“
Heute leben wir glücklicherweise nicht mehr in Zeiten, in denen viele Frauen auf die Heirat mit einem finanziell stabilen Anwärter angewiesen sind. Frauen haben es leichter eigene Wünsche und Vorstellungen von ihrem Leben zu realisieren. Aber dennoch sind wir allzu oft zerrissen zwischen dem, was wir wollen und dem, was wir denken, das uns zusteht. Vielleicht würde es uns guttun Elizabeth Bennet als Beispiel zu nehmen und Träume, Wünsche und schon gar nicht Bedürfnisse nur als Option zu betrachten. Vielleicht würde es uns guttun, wenn wir diese häufiger so bedingungslos, standhaft und unerschrocken verfolgen, wie Elizabeth ihr persönliches Glück? Vielleicht würde es uns auch guttun, wenn wir uns genauso ernstnehmen, wie sie es, ohne Diskussion, tut? Als Ausdruck von Achtung für uns Selbst und Interesse an unserem persönlichen Glück.
Wahrheit 3: Selbstachtung müssen wir uns erlauben
Elizabeth Bennet muss vielleicht nicht gegen Drachen kämpfen oder den dunklen Schattenkönig besiegen, um mit ihrer großen Liebe für ein Happy End vereint zu sein. Aber was sie während ihrer Heldinnenreise erlebt, ist ähnlich herausfordernd.
Als Endgegnerin sieht Elizabeth sich mit einer sehr mächtigen, sehr einflussreichen Lady Catherine konfrontiert, die mit allen Mitteln versucht eine Verbindung zwischen der Bennet Tochter und Mr. Darcy zu verhindern. Egal ob Degradierung, Herabwürdigung, Appell an ihr Gewissen oder ihre Vernunft – Lady Catherine setzt alle ihr verfügbaren Mittel ein, um Elizabeth davon abzubringen ihren Neffen zu heiraten. Elizabeth aber bleibt ruhig, unbeirrbar und lässt sich nicht dazu verleiten an ihrem eigenen Wert zu zweifeln. Bis sie schließlich ein Statement abgibt, das Lady Catherine ins Stottern bringt und als Selbstliebe Mantra auf Instagram wunderbar funktionieren würde:
„Sie sind also entschlossen, ihn zu heiraten?“
„Ich habe nichts dergleichen gesagt. Ich bin nur entschlossen, im Interesse meines Glücks zu handeln, ohne Rücksicht auf Sie oder irgend jemanden, der ebenso wenig mit mir zu tun hat.“
Erlaubnis zur Selbstliebe
Wenn wir nur eine Sache von Elizabeth Bennet in Stolz und Vorurteil lernen können, dann ist es meiner Meinung nach, dass wir uns selbst jederzeit die Erlaubnis geben dürfen unser persönliches Glück zu verfolgen. Diese Erlaubnis kommt nicht von außen, nicht von Freunden, Partnern, Familie oder Mentoren. Die Erlaubnis uns selbst glücklich machen zu dürfen, was auch immer das umfasst, können wir uns ausschließlich selbst geben. Die Frage ist, was hält uns davon ab? Ist es die Angst vor der Meinung anderer? Vor Verurteilung, Spott oder Hohn? Oder ist es der verinnerlichte Glaubenssatz, die tiefe Überzeugung, dass wir keine Berechtigung haben unsere eigenen Wünsche und Ziele zu verfolgen? Erst alle anderen und dann ich. Aber was ist, wenn es immer etwas geben wird, dass wichtiger oder dringender erscheint? Dann wird unser eigenes Glück Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr aufgeschoben. Ohne eine Aussicht auf Erfüllung. Stell dir selbst die Frage, ob Elizabeth Bennet diese Aussichten hinnehmen würde. Ob es ihr in den Sinn käme, ihr eigenes Glück nicht zu verfolgen. Ich denke, wir kennen die Antwort, oder?